Zur Motivation der Exponentialreihe

 Unsere Einführung der Exponentialreihe mit „schnell gegen 0 konvergierenden Koeffizienten“ an = 1/n! einer Potenzreihe n an xn ist sicherlich ad hoc. Wir diskutieren deswegen noch zwei andere Zugänge.

Motivation 1: Das Additionstheorem

Eine grundlegende Eigenschaft der Exponentialfunktion exp :    ist das Additionstheorem

exp(x) exp(y)  =  exp(x + y)  für alle x, y  ∈  ,  und speziell

exp(x)2  =  exp(2x)  für alle x  ∈  .

Diese Funktionalgleichung ist typisch für Exponentialfunktionen. In der Potenzschreibweise lautet sie ex ey = ex + y für alle x, y  ∈  . Wollen wir, dass eine durch eine Potenzreihe n an xn (mit noch unbekannten Koeffizienten an) definierte Funktion f :    das spezielle Additionstheorem

f (x)2  =  f (2x)  für alle x  ∈  

erfüllt, so können wir durch eine Analyse des Cauchy-Produkts die Koeffizienten an = 1/n! entdecken (ohne dabei den binomischen Lehrsatz zu kennen). Das Cauchy-Produkt bietet sich besonders an, da die Exponenten der Produktterme ak xk bm xm auf der n-ten Diagonalen die konstante Summe k + m = n haben. Mit dem Cauchy-Produkt und (2x)n = 2n xn erhalten wir den Ansatz

n dn xn  =  (m am xm) (k ak xk)  =  f (x)2  =  f (2x)  =  n 2n an xn,  mit

 dn  =  k ≤ n ak an − k  für alle n.

Durch Koeffizientenvergleich ergibt sich:

(+)  k ≤ n ak an − k  =  2n an  für alle n.

Dies liefert die Gleichungen:

a0 a0  =  20 a0  (d. h. a02 = 1)

a1 a0  +  a0 a1  =  2 a1

a2 a0  +  a1 a1  +  a2 a0  =  4 a2

a3 a0  +  a2 a1  +  a1 a2  +  a0 a3  =  8 a3

a4 a0  +  a3 a1  +  a2 a2  +  a1 a3  +  a0 a4  =  16 a4

Aus der ersten Gleichung erhalten wir a0 = 0 oder a0 = 1. Die erste Wahl führt zur Nullreihe. Wir setzen also a0 = 1 (sodass f (0) = 1). Dann lautet die zweite Gleichung „2a1 = 2 a1“, sodass a1 nicht eindeutig bestimmt ist. Die einfachste Wahl ist a1 = 1. Damit lautet die dritte Gleichung

a2  +  1  +  a2  =  4 a2,

sodass a2 = 1/2. Die vierte Gleichung wird nun zu

a3  +  1/2  +  1/2  +  a3  =  8 a3

sodass a3 = 1/6. Weiter geht es mit

a4  +  1/6  +  1/4  +  1/6  +  a4  =  16 a4,

sodass 7/12 · a4  =  14 a4 und damit a4 = 1/24.

An dieser Stelle lässt sich an = 1/n! raten. Dann wird (+) zu

k ≤ n 1k! (n − k)!  =  2nn!  für alle n.

Multiplikation mit n! liefert die kombinatorische Identität

k ≤ n nk  =  2n  für alle n.

Interessant ist bei diesem Zugang die freie Wahl von a1. Setzen wir a1 = c für ein beliebig gewähltes c  ∈  , so ergibt sich

a2  +  c2  +  a2  =  4 a2,

sodass a2 = c2/2. Weiter ist nun

a3  +  c3/2  +  c3/2  +  a3  =  8 a3,

sodass a3 = c3/6. Weiter ergibt sich a4 = c4/12 und allgemein erhalten wir die Koeffizienten

an  =  cnn!  für alle n.

Die so erzeugte Potenzreihe ist

n cnn! xn  =  n (c x)nn!  =  exp(c x)  =  ec x.

Die Wahl von a1 = c = 2 führt beispielsweise zu

f (1)  =  exp(2)  =  e2.

Motivation 2: Gliedweises Differenzieren

Die vielleicht überzeugendste Motivation der Exponentialreihe benötigt einen Vorgriff auf die Differentialrechnung. Sei hierzu wieder f :    mit

f (x)  =  n an xn  für alle x  ∈  .

Wenn wir nun f als ein „Polynom vom Grad ∞“ lesen und die Potenzreihe spielerisch so ableiten wie ein endliches Polynom, so erhalten wir

f (x)  =  a0  +  a1 x  +  a2 x2  +  a3 x3  +  …  +  an xn  +  …

f ′(x)  =  a1  +  2 a2 x  +  3 a3 x2  +  …  +  n an xn − 1  +  …

Setzen wir uns nun f = f ′ als Ziel, so liefert ein Koeffizientenvergleich

a1  =  a0,  a2 = a12  =  a02,  a3  =  a23  =  a06,  a4  =  a34  =  a024,  …

Induktiv ergibt sich:

an  =  a0n!  für alle n.

Verlangen wir nun noch f (0) = 1, so erhalten wir a0 = 1 und allgemeiner

an  =  1n!  für alle n.

Dies zeigt: Unter der Voraussetzung des „gliedweisen Differenzierens“ einer Potenzreihe und des Koeffizientenvergleichs hat eine durch eine Potenzreihe dargestellte Funktion f :    mit f (0) = 1 und f ′ = f notwendig die Form

f (x)  =  n xnn!  =  exp(x)  für alle x  ∈  .

Wir werden im vierten Abschnitt auf diese Überlegungen zurückkommen. Der Vorgriff ist vielleicht bereits an dieser Stelle willkommen.