Ausblick:  Die Hyperbelfunktionen

 Im Zoo der von der komplexen Exponentialfunktion abstammenden Funktionen betrachten wir noch ein weiteres Gehege.

Definition (Hyperbelfunktionen)

Wir definieren den Sinus Hyperbolicus sinh :   , den Kosinus Hyperbolicus cosh :   , den Tangens Hyperbolicus tanh :    und den Kotangens Hyperbolicus coth :  − { 0 }   durch:

cosh x  =  ex  +  e−x2,   sinh x  =  ex  −  e−x2  für alle x  ∈  ,

tanh x  =  sinh xcosh xfür alle x  ∈  ,
coth x  =  cosh xsinh xfür alle x  ∈  , x ≠ 0.

 Zur Motivation betrachten wir allgemein:

Zerlegung einer Funktion in ihren geraden und ungeraden Anteil

Sei f :   . Dann sind der gerade Anteil f + :    und der ungerade Anteil f  :    von f definiert durch

f +(x)  =  f (x)  +  f (− x)2,  f (x)  =  f (x)  −  f (− x)2  für alle x  ∈  .

Es gilt:

(i)

f + ist gerade, d. h. f +(x) = f +(−x) für alle x  ∈  ,

(ii)

f  ist ungerade, d. h. f (x) = − f (−x) für alle x  ∈  ,

(iii)

f  =  f +  +  f .

Die gerade-ungerade-Zerlegung lässt sich allgemeiner für Funktionen mit einem um den Nullpunkt symmetrischen Definitionsbereich durchführen, etwa für f : [ −1, 1 ]  . Weiter gilt sie auch für komplexe Funktionen.

Unter dieser Perspektive gilt also einfach:

(a)

cosh  =  exp+,  sinh  =  exp,

(b)

exp  =  cosh  +  sinh  ist die gerade-ungerade-Zerlegung von exp.

 Die Hyperbelfunktionen sind stetig und besitzen das folgende Monotonie- und Werteverhalten.

Satz (Verhalten der Hyperbelfunktionen)

sinh ist streng monoton steigend und besitzt den Wertebereich . cosh ist streng monoton fallend im Intervall ] −∞, 0 ] und streng monoton steigend im Intervall [ 0, ∞ [ mit Wertebereich [ 1, ∞ [. tanh ist streng monoton steigend mit Wertebereich ] −1, 1 [. coth ist streng monoton fallend im Intervall ] −∞, 0 [ und streng monoton fallend im Intervall ] 0, ∞ [ mit Wertebereich  − [ −1, 1 ].

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Für große postive x ist e− x sehr klein, sodass sinh(x) nur minimal kleiner ist als cosh(x).

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 Wir sammeln:

Satz (Eigenschaften der Hyperbelfunktionen)

Für alle x, y  ∈   gilt:

(a)

sinh x  ≤  cosh x,

(b)

cosh2 x  −  sinh2 x  =  1,

(c)

sinh x  =  n x2 n + 1(2n + 1)!,

cosh x  =  n x2 n(2n)!,

(d)

sinh(x + y)  =  sinh x cosh y  +  cosh x sinh y,

cosh(x + y)  =  cosh x cosh y  +  sinh x sinh y.  (Additionstheoreme)

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 Der Leser vergleiche die analogen Eigenschaften des Kosinus und Sinus.

 Die erste Eigenschaft erklärt die Bezeichnung als „Hyperbelfunktionen“. So wie

f (t)  =  (cos(t), sin(t))

in der Zeit t eine Bewegung auf dem Einheitskreis K beschreibt, so beschreibt

g(t)  =  (cosh(t), sinh(t))

in der Zeit t eine Bewegung auf dem rechten Ast Hr der Einheitshyperbel

H  =  { (x, y)  ∈  2 | x2  −  y2  =  1 }.

Das Diagramm zeigt einige Werte dieser Bewegung auf dem Ast Hr. Eine geometrische Deutung des Paramters t werden wir gleich noch kennenlernen.

 Auch für die Hyperbelfunktionen lassen sich durch geeignete Einschränkung Umkehrfunktionen einführen:

Definition (Areafunktionen)

Der Areasinus Hyperbolicus arsinh :   , Areakosinus Hyperbolicus arcosh : [ 1, ∞ [  , Areatangens Hyperbolicus artanh : ] −1, 1 [   und Areakotangens Hyperbolicus arcoth :  − [ −1, 1 ]   werden definiert durch

arsinh  =  sinh−1,  arcosh  =  (cosh[ 0, ∞ [)−1, 
artanh  =  tanh−1,  arcoth  =  coth−1.

 Die folgenden Diagramme zeigen den Verlauf dieser Funktionen.

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 Die Bezeichnung als „Areafunktionen“ (mit lateinisch „area“ = „Fläche“) ist geometrisch motiviert. Ist wieder

H  =  { (x, y)  ∈  2 | x2  −  y2  =  1 }

die Einheitshyperbel, so schneiden für jedes a  ∈  ] 0, 1 [ die Geraden ga und g− a durch 0 mit Steigung a bzw. −a den rechten Ast Hr der Hyperbel in zwei von der Steigung a abhängigen Punkten (xa, ya) und (xa, −ya). Weiter schließen diese Geraden mit Hr eine Fläche A wie im Diagramm ein. Mit Hilfe von Integration kann man zeigen, dass

(xa, ya)  =  (cosh A, sinh A)

und folglich

A  =  arcosh xa  =  arsinh ya .

So wie in cos x und sin x die Zahl x für x  ∈  [ 0, 2π ] eine Bogenlänge am Einheitskreis ist, so ist in coshA und sinhA die Zahl A für A ≥ 0 eine durch die Einheitshyperbel definierte Fläche. Betrachten wir Sektorflächen am Kreis, so wird die Analogie noch deutlicher.

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 Die Areafunktionen besitzen überraschende explizite Darstellungen mit Hilfe des Logarithmus, deren Beweise wir dem Leser überlassen.

Satz (Logarithmus-Darstellung der Areafunktionen)

Es gilt:

arsinh x  =  log (x  +  x2+1) für alle x  ∈  ,
arcosh x  =  log (x  +  x21) für alle x ≥ 1,
artanh x  =  12 log (1  +  x1  −  x) für alle x mit |x| < 1,
arcoth x  =  12 log (x  +  1x  −  1) für alle x mit |x| > 1.