Harmonische Zahlen und die Euler-Mascheroni-Konstante
Definition (harmonische Zahlen)
Für alle n ≥ 1 heißt
hn = ∑1 ≤ k ≤ n 1/k
die n-te harmonische Zahl. Weiter setzen wir h0 = 0.
Die harmonischen Zahlen hängen wegen d/dx log(x) = 1/x eng mit der reellen Logarithmus-Funktion zusammen. Wir setzen für alle n ≥ 1:
An = 1n − ∫n + 1n 1x = 1n − (log(n + 1) − log(n)) = 1n − log(1 + 1/n).
γ = ∑n ≥ 1 An(Euler-Mascheroni-Konstante)
Nach Definition gilt
γ = ∑n ≥ 1 (1/n − log(1 + 1/n)), 1 − γ = ∑n ≥ 1 (log(1 + 1/n) − 1/(n + 1)).
Die Treppe 1/⌊ x ⌋ (blau) im Vergleich mit der Hyperbel 1/x (gelb) auf [ 1, ∞ [. Auf [ 1, n ] ist die Fläche unter der Treppe gleich hn − 1 und die Fläche unter 1/x gleich log(n). Die gesamte hellblaue Differenzfläche hat den Inhalt γ.
Eine Translation der Flächen An nach links zeigt γ als Teilfläche von [ 0, 1 ]2. Ein Vergleich mit Dreiecksflächen ergibt A1 > 1/4, A2 > 1/8, …, sodass γ > 1/2. Numerisch ist γ = 0,57721… Die weiße Komplementärfläche ist 1 − γ.
Summation liefert:
∑1 ≤ k ≤ n Ak = hn − log(n + 1) für alle n ≥ 1.
Damit erhalten wir:
Satz (Limesdarstellung der Euler-Mascheroni-Konstanten)
Es gilt
γ = limn (hn − log(n + 1)) = limn (hn − log(n)).
Die Folge (hn − log(n + 1))n ≥ 1 ist streng monoton steigend, die Folge (hn − log(n))n ≥ 1 streng monoton fallend. Insbesondere gilt
hn − log(n + 1) < γ < hn − log(n) für alle n ≥ 1.
Mit γn = hn − log(n) gilt γ = limn γn = infn γn. Dies wird oft zur Definition von γ verwendet. Geometrisch ist hn − log(n + 1) = γn + 1 − 1/(n + 1) natürlicher. Als Fläche ist γn die Fläche A1, …, An − 1 zusammen mit der vollen Treppenstufe 1/n. Der Leser ist aufgerufen, sich „monoton fallend“ für (γn)n ≥ 1 anhand des Diagramms klar zu machen.
Beidseitige Abschätzung
Da f (x) = 1/x auf [ 1, ∞ [ konvex und streng monoton fallend ist, gilt für k ≥ 1:
(+) 12 k (k + 1) = 12(1k − 1k + 1) < Ak < 1k − 1k + 1 = 1k (k + 1).
Sei n ≥ 1. Wir verwenden die elementare Summenformel
rn = ∑k ≥ n 1k (k + 1) = 1 − n − 1n = 1n.
Mit
∑k ≥ n Ak = γ − ∑1 ≤ k < n Ak = γ − hn − 1 + log(n)
erhalten wir durch Summation von (+) ab n:
12n < γ − hn − 1 + log(n) < 1n.
Umstellen ergibt
log(n) − 1n + γ < hn − 1 < log(n) − 12n + γ.
Die Addition von 1/n liefert schließlich
(1) log(n) + γ < hn < log(n) + 12 n + γ.
Verbesserung der Abschätzung
Unsere log-Ungleichung
22k + 1 < log(1 + 1/k) < 2k + 12 k (k + 1)
liefert für k ≥ 1 die auf der rechten Seite verschärfte Abschätzung
12 k (k + 1) < Ak = 1/k − log(1 + 1/k) < 1k (2k + 1) ≤ 1k (k + 2).
Sei n ≥ 1. Mit der Summenformel
rn = ∑k ≥ n 1k (k + 2) = 12(1n + 1n + 1)(mit r1 = 3/4)
ergibt sich nun
12n < γ − hn − 1 + log(n) < 12(1n + 1n + 1).
Eine Umformung wie oben ergibt:
(2) log(n) + 12 n (n + 1) + γ < hn < log(n) + 12n + γ.
Die harmonischen Zahlen (blaue Punkte) liegen im durch
f1(x) = log(x) + 12 x (x + 1) + γ (gelb), f2(x) = log(x) + 12 x + γ (grün)
definierten Bereich.
Bemerkung
Der Vergleich mit Treppenfunktionen verwendet keine speziellen Eigenschaften des Logarithmus. Er lässt sich allgemein für monoton fallende Funktionen mit positiven Werten durchführen. Im Kapitel über die Abschätzung der Fakultät werden wir zudem einen Integralvergleich für die monoton steigende und konkave Funktion log durchführen. Hier ist der γ entsprechende Treppenfehler unendlich. Diese Problem lässt sich aber durch die Verwendung von Trapezen statt Stufen lösen. Weiter werden wir im Kapitel über Summen und Mittel die Differenz zwischen hn und log(n) noch wesentlich genauer abschätzen. Damit lässt sich der gestrichelte Bereich des obigen Diagramms noch wesentlich verkleinern.
Die harmonischen Zahlen teilen viele Eigenschaften mit dem Logarithmus. Es gilt zum Beispiel (Übung):
Satz (Summen harmonischer Zahlen)
Für alle n ≥ 1 gilt
∑1 ≤ k ≤ n hk = (n + 1) hn − n,
∑1 ≤ k < n hk = n hn − 1 − n + 1.
Die zweite Formel ist vollkommen analog zu
∫n1 log(x) dx = = n (log(n) − 1) + 1 = n log(n) − n + 1.
Aus der geometrischen Summe 1 + t + … + tn − 1 = (1 − tn)/(1 − t) erhalten wir:
Satz (Integraldarstellung von Euler für die harmonischen Zahlen)
Es gilt
hn = ∫10 1 − tn1 − t dt für alle n ≥ 0.
Mit der Integraldarstellung lässt sich hx und allgemeiner hz definieren für alle z ∈ ℂ− ℕ* = ℂ − { −1, − 2, − 3 }, indem wir den Exponenten n durch z ersetzen. Wir kommen im Kapitel über die Digamma-Funktion auf die analytische Interpolation der harmonischen Zahlen zurück.