8.2Das Riemann-Integral

Definition (Riemann-Summe und Riemann-Integral)

Sei f : [ a, b ]  .

(a)

Für jede Partition p = (tk, xk)k ≤ n von [ a, b ] heißt die reelle Zahl

p f  =  k ≤ n f (xk) · (tk + 1 − tk)

die Riemann-Summe von f bzgl. p.

(b)

f heißt (Riemann-) integrierbar, falls ein c  ∈   existiert mit:

Für alle ε > 0 existiert ein δ > 0, sodass für alle δ-Partitionen p von [ a, b ] gilt: |p f  −  c|  <  ε. (Integrierbarkeitsbedingung)

Die Zahl c heißt dann das (bestimmte) Riemann-Integral von f.

In Zeichen schreiben wir:

I(f)  =  baf  =  baf (x) dx  =  c.

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p f ist der Inhalt der grauen Fläche, wobei Flächen unterhalb der x-Achse negativ zählen

 In einer Riemann-Summe werten wir f in den Stützstellen einer Partition aus und berechnen den elementaren Flächeninhalt der entstehenden Figur. Dabei zählen Flächen unterhalb der x-Achse negativ. Wir sprechen deswegen auch von einer vorzeichenbehafteten oder signierten Flächenmessung. Mit Hilfe der Riemannschen Summen versuchen wir dann, die vom Graphen von f eingeschlossene signierte Fläche zu messen, indem wir immer feinere Partitionen zur approximativen Messung einsetzen. Die Integrierbarkeitsbedingung haben wir in einer ε-δ-Formulierung angegeben. Sie lässt sich gleichwertig auch wie folgt notieren:

Für alle Folgen (pn)n  ∈   von Partitionen von [ a, b ] mit limn δ(pn) = 0 gilt

limn  pn f  =  c. (Integrierbarkeitsbedingung, Folgenversion)

Eine suggestive Notation hierfür ist:  baf  =  limδ(p)  0 p f.

 Das Integralzeichen erinnert an das Summenzeichen  und suggeriert eine unendlich feine Summation. Die Definition des Integrals benötigt aber keine infinitesimalen Größen „dx“.

 Man erhält eine äquivalente Definition der Integrierbarkeit, wenn man nur äquidistante Partitionen zulässt:

baf  =  limδ(p)  0, p äquidistant p f  =  limLänge(p)  ∞, p äquidistant p f.

Die letzte Form beruht auf der Beobachtung, dass für eine Folge (pn)n  ∈   äquidistanter Partitionen genau dann limn δ(pn) = 0 gilt, wenn limn Länge(pn) = +∞.

 Weiß man, dass f integrierbar ist, so kann man eine beliebige Folge von Partitionen mit limn δ(pn) = 0 zur Berechnung des Integrals verwenden. Wählen wir etwa äquidistante Partitionen mit linksseitigen Stützstellen xk = tk, so erhalten wir

baf  =  limn wn k ≤ n f(a + k wn)  mit  wn =  b − an + 1(Berechnungsformel).
Beispiele

(1)

Ist f : [ 0, 1 ]   konstant gleich c, so gilt für alle Partitionen p = (tk, xk)k ≤ n :

p f  =  k ≤ n f (xk) · (tk + 1 − tk)  =  c · k ≤ n (tk + 1 − tk)  =  c · 1  =  c.

Also ist

10c dx  =  10f  =  limδ(p)  0 p f  =  c.

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(2)

Sei g : [ 0, 1 ]  , g(x) = x für alle x.

Dann gilt für alle äquidistanten Partitionen p = (tk, xk)k ≤ n:

p g  =  k ≤ n g(xk) · (tk + 1 − tk)  = 

k ≤ n xkn + 1.

Es gilt tk ≤ xk ≤ tk + 1, und damit

1n + 1k ≤ n kn + 1  ≤  p g  ≤  1n + 1 k ≤ n k + 1n + 1.

Mit der Summenformel k ≤ n k = n (n + 1)/2 erhalten wir

n (n + 1)2 (n + 1)2  ≤  p g  ≤  (n + 1) (n + 2)2 (n + 1)2.

Die linke und die rechte Seite konvergieren gegen 1/2. Folglich ist

10x dx  =  10g  =  limδ(p)  0, p äquidistant p g  =  1/2.