Multiplikativität und Berechnungsformel

 Mit Hilfe von Restsystemen können wir nun eine nicht offensichtliche Eigenschaft der Eulerschen φ-Funktion beweisen:

Satz (Multiplikativität der φ-Funktion)

Seien m1, m2 ≥ 1 teilerfremd. Dann gilt

φ(m1 m2)  =  φ(m1) φ(m2).(Multiplikativität der φ-Funktion)

Genauer sind

A  =  { r m2 + s m1 | r = 1, …, m1; s = 1, …, m2 }

B  =  { r m2 + s m1  ∈  A | (r, m1) = 1, (s, m2) = 1 }

ein Restsystem bzw. ein reduziertes Restsystem modulo m = m1 m2.

 Die Voraussetzung der Teilerfremdheit ist wesentlich. Es gilt zum Beispiel φ(4) = 2 ≠ 1 = φ(2) φ(2).

Beweis

Aus (m1, m2) = 1 erhalten wir, dass für alle r, r′, s, s′ gilt (Übung):

(a)

r m2 + s m1 ≡  r′ m2 + s′ m1 (m)  genau dann, wenn  r ≡  r′ (m1), s ≡  s′ (m2).

(b)

(r m2 + s m1, m) = 1  genau dann, wenn(r, m1) = (s, m2) = 1.

Speziell gilt |A| = m und |B| = φ(m1)φ(m2). Nach (a) ist A ein Restsystem modulo m, und nach (b) gilt

B  =  { a  ∈  A | (a, m) = 1 }.

Damit ist B ein reduziertes Restsystem modulo m.

 Der Beweis erlaubt es, die teilerfremden Reste modulo m aus den teilerfremden Resten der Faktoren m1 und m2 zu generieren:

Beispiele

(1)

Seien m1 = 3 und m2 = 10. Dann gilt m = 30, φ(m1) = 2, φ(m2) = 4,

r1 = 1,  r2 = 2,  s1 = 1,  s2 = 3,  s3 = 7,  s4 = 9,

B  =  { 1 · 10 + 1 · 3,  …,  2 · 10 + 9 · 3 }  =  { 13, 19, 31, 37, 23, 29, 41, 47 }.

Übergang zu kongruenten Zahlen im Intervall 1, …, 30 liefert

C  =  { 13, 19, 1, 7, 23, 29, 11, 17 }  =  { 1, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29 }.

Die acht Elemente von C sind die teilerfremden Reste modulo 30.

(2)

Seien nun n = 2 · 7 = 14 und m = 3 · 5 = 15, sodass nm = 210. Es gilt

φ(14)  =  6,  φ(15)  =  8,  φ(210)  =  6 · 8  =  48.

In der folgenden Tabelle sind alle Werte rm + sn modulo mn eingetragen (eine Permutation der Zahlen 0, …, 209). Rot markiert sind die 48 zu 210 teilerfremden Zahlen.

ema21-AbbID1-4-6

 Die Multiplikativität von φ lässt sich auch elegant mit Hilfe des Chinesischen Restsatzes beweisen:

Beweis der Multiplikativität mit Hilfe des Chinesischen Restsatzes

Da m1 und m2 teilerfremd sind, haben die Kongruenzen

x ≡  r (m1)  und  x ≡  s (m2)

für alle 1 ≤ r ≤ m1 und 1 ≤ s ≤ m2 genau eine gemeinsame Lösung x mit 1 ≤ x ≤ m. Verschiedene Paare (r, s), (r′, s′) führen zu verschiedenen Lösungen x, x′. Weiter gilt

(x, m) = 1  genau dann, wenn(r, m1) = 1 und (s, m2) = 1.

Dies zeigt, dass φ(m) = φ(m1) φ(m2).

 Ohne weitere Schwierigkeiten erhalten wir nun eine Formel, die eine einfache Berechnung von φ(m) erlaubt, wenn die Primteiler von m bekannt sind:

Satz (Berechnungsformel für die φ-Funktion)

Sei m = p1e1 … pnen die Primfaktorzerlegung von m ≥ 2. Dann gilt

φ(m)  =  1 ≤ k ≤ n (pkek − pkek − 1)  =  m  p prim, p | m (1 − 1/p).

Beweis

Für alle Primzahlen p und alle e ≥ 1 gilt φ(pe) = pe − pe − 1, da im Intervall von 1 bis pe genau die pe − 1 Zahlen

p,  2p,  3p,  …,  pe − 1p

nicht teilerfremd zu p sind. Damit folgt die erste Formel aus der Multiplikativität von φ (da piei und pjej für i ≠ j teilerfremd sind). Die zweite Formel erhalten wir durch Ausklammern der Faktoren pkek aus der ersten.

Beispiele

(1)

Es gilt 4400 = 24 · 52 · 11. Damit erhalten wir

φ(4400)  =  4400 (1 − 1/2)(1 − 1/5)(1 − 1/11)  =  4400 1 · 4 · 102 · 5 · 11  =  1600.

(2)

Für p prim und k ≥ 1 gilt φ(pk) = pk(1 − 1/p) = (p − 1) pk − 1. Speziell ist

φ(2k) = 2k − 1, φ(3k) = 2 · 3k − 1, φ(5k) = 4 · 5k − 1.

(3)

Sind p ≠ q Primzahlen, so gilt φ(pq) = (p − 1)(q − 1).

ema21-AbbID1-4-7

Die Multiplikativität erklärt die Muster der φ-Funktion. Für p ≥ 5 prim gilt:

φ(p) = p − 1 ∼ p (gelb),  φ(2p) = φ(p) ∼ (2p)/2 (grün),  φ(3p) = 2φ(p) ∼ 3/2(3p) (rot)