Komplexe Fourier-Reihen

 Noch eleganter, übersichtlicher und nicht zuletzt auch rechnerisch einfacher werden Fourier-Reihen, wenn wir komplexe Zahlen und die komplexe Exponentialfunktion verwenden. Wir führen dies in mehreren Schritten durch.

Schritt 1:  Die komplexe Darstellung einer reellen Fourier-Reihe

Für alle a, b  ∈   und k ≥ 0 gilt:

cos(nx)  =  Re(ei n x)  =  ei n x + e− i n x2,  sin(nx)  =  Im(ei n x)  =  ei n x − e− i n x2i.

Mit i−1 = −i erhalten wir

a cos(nx)  +  b sin(nx)  =  a − i b2 ei n x  +  a + i b2 e−i n x.

Setzen wir also für zwei Folgen (an)n ≥ 0 und (bn)n ≥ 1

c0  =  a02,  cn  =  an − i bn2,  c− n  =  cn  für alle n ≥ 1,

so erhalten wir die komplexe Darstellung einer reellen trigonometrischen Reihe:

a02  +  n ≥ 1 (an cos(nx) + bn sin(nx))  =  k  ∈   ck ei k x.

Dabei vereinbaren wir für die Summe auf der rechten Seite:

Konvention

Eine Reihe k  ∈   zk komplexer Zahlen hat die Partialsummen − n ≤ k ≤ n zk. Im Fall der Existenz bezeichnet k  ∈   zk auch wieder den Grenzwert der Partialsummen. Insgesamt gilt also k  ∈   zk = z0 + n ≥ 1 (zn + z−n).

Zusammenfassung:  Übersetzung zwischen reeller und komplexer Form

Die Reihen

(1)

a02 + n ≥ 1 (an cos(nx) + bn sin(nx))  mit Folgen (an)n ≥ 0, (bn)n ≥ 1 in

(2)

k  ∈   ck ei k x  mit einer Folge (ck)k  ∈   in  mit c−n = cn  für alle n  ∈ 

entsprechen einander durch die Beziehungen:

(1)  (2):  c0  =  a02,  ck  =  ak − i bk2,  c− k  =  ck  für alle k ≥ 1

(2)  (1):  a0  =  2c0,  ak  =  Re(2ck),  bk  =  − Im(2ck)  für alle k ≥ 1

Schritt 2:  Das Integral für komplexwertige Funktionen

 Als Nächstes erweitern wir unser Integral auf komplexwertige Funktionen. Dies ist in einfacher Weise möglich:

Definition (Integration komplexwertiger Funktionen)

Eine Funktion f : [ a, b ]   heißt integrierbar, falls die reellen Funktionen Re(f) : [ a, b ]   und Im(f) : [ a, b ]   dies sind. In diesem Fall heißt

I(f)  =  baf  =  baf (x) dx  =  baRe(f)  +  i  baIm(f)   ∈  

das Integral von f. Analog ist das unbestimmte Integral definiert.

 Das Integral einer Funktion f : [ a, b ]   ist eine komplexe Zahl, der Definitionsbereich ist bis bislang ein reelles Intervall. Das wichtigste Beispiel ist:

Beispiel

ei x dx  =  cos(x) dx  +  i sin(x) dx  =  −sin(x)  +  i cos(x)  =  − i ei x.

 Den Orthogonalitätssatz können wir nun sehr einfach elegant und beweisen. Vorab definieren wir:

Definition (Kronecker-Symbol,)

Für beliebige Objekte x, y ist das Kronecker-Symbol oder Kronecker-Delta δx, y definiert durch:

δx, y  =  1,  falls x = y,  δ(x, y)  =  0,  falls x ≠ y.

 Damit formulieren wir:

Satz (Orthogonalitätssatz, komplexe Version)

Für alle k, n  ∈   gilt:

10ei n x e−i k x dx  =  δn,k.

Beweis

Für n = k ist ei n x e−i k x = ei 0 x = 1 = δn,k und die Aussage klar. Für n ≠ k ist

ei n x e−i k x  =  ei m x  mit  m = n − k ≠ 0.

Damit gilt

0ei m x dx  =  1imeimxx=0x=2π  =  1i m   −  1i m   =  0  =  δn,k.

Schritt 3:  Die komplexe Koeffizientenformel

 Nun können wir die Berechnungsformeln für die Fourier-Koeffizienten neu formulieren. Die Kosinus- und Sinus-Formeln werden dabei verschmolzen:

Satz (komplexe Fourier-Koeffizienten)

Sei f :    2π-periodisch und integrierbar auf [ 0, 2π ], und sei k  ∈   ck ei k x die komplexe Darstellung der Fourier-Reihe von f. Dann gilt

ck  =  10f (x) e−i k x dx  für alle k  ∈  .

Beweis

Für k = 0 folgt die Aussage aus ei k x = 1 und 2c0 = a0. Für k > 0 gilt

2πck =  π(ak − i bk)  =  0f (x) cos(k x) dx  −  i 0f (x) sin(k x) dx
=  0Re(f (x) e− i k x) dx  +  i 0Im(f (x) e−i k x) dx
=  0f (x) e−i k x dx.

Für k < 0 wird der Beweis analog geführt.

Schritt 4:  Die Fourier-Reihe einer komplexwertigen Funktion

 Bislang sind Fourier-Reihen nur für reellwertige Funktionen definiert. Unsere Formeln legen folgende Erweiterung auf komplexwertige Funktionen nahe:

Definition (Fourier-Reihe einer komplexwertigen Funktion)

Sei f :    2π-periodisch und integrierbar auf [ 0, 2π ]. Dann heißen die komplexen Zahlen

ck  =  12 π0f (x) e−i k x dx  für alle k  ∈  

die Fourier-Koeffizienten von f. Weiter heißt

FS(f)(x)  =  k  ∈   ck ei k x

die Fourier-Reihe von f.

 Es gilt FS(f) = FS(Re(f)) + i FS(Im(f)), sodass wir eine komplexe Fourier-Reihe in zwei reelle Fourier-Reihen zerlegen können. Für eine komplexwertige Funktion f :    gilt aber im Allgemeinen nicht mehr, dass c−n = cn für alle n  ∈  .